Die Wirtschaft im stetigen Wandel
In Deutschland werden heute andere Waren hergestellt und andere Dienstleistungen erbracht als vor einigen Jahrzehnten und die Erwerbsbevölkerung ist zu einem großen Teil in anderen Wirtschaftszweigen beschäftigt als damals – die Struktur von Volkswirtschaften befindet sich im ständigen Wandel. Während einige Wirtschaftsbereiche wachsen oder sogar neu entstehen und so einen zunehmenden oder neuen Beitrag zur gesamtvolkswirtschaftlichen Wertschöpfung und Beschäftigung leisten, verlieren andere an Bedeutung oder verschwinden ganz. Der wirtschaftliche Strukturwandel ist kein neues Phänomen, sondern ein kontinuierlicher, seit Langem ablaufender Prozess.
Verschiedene Treiber bestimmen Richtung und Intensität des wirtschaftlichen Strukturwandels. Dabei kann zwischen nachfrageseitigen und angebotsseitigen Einflussgrößen unterschieden werden.
Von der Agrar- über die Industrie- zur Dienstleistungswirtschaft
Ein Blick zurück zeigt, dass der Strukturwandel langfristigen Trends folgt. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Land- und Forstwirtschaft der beschäftigungsintensivste Sektor. Um die Jahrhundertwende übernahm die Industrie im Zuge der Industrialisierung diesen Part. Seit den 1960er-Jahren geht der Anteil der Industrie an der gesamtwirtschaftlichen Beschäftigung wieder zurück. Seit Beginn der 1970er-Jahre sind die meisten Erwerbstätigen in Deutschland im tertiären Sektor beschäftigt. Besonders dynamisch entwickelte sich die Tertiärisierung bis zur Jahrtausendwende, verlor aber im Anschluss spürbar an Geschwindigkeit und kam in den 2010er-Jahren fast vollständig zum Erliegen.
Im Jahr 2019 waren fast 75 Prozent aller Erwerbstätigen in Dienstleistungsbranchen beschäftigt und rund 24 Prozent im produzierenden Gewerbe. Auf den Agrarsektor entfiel lediglich noch gut 1 Prozent aller Erwerbstätigen. Künftig gibt es kaum mehr Verschiebungen zwischen den Sektoren, die Anteilsgewinne des tertiären Sektors halten sich bis 2040 in engen Grenzen.
23 degrees
Interactive graph will be embedded here
(You need a Pro Account from 23degrees.io to publish publicly.)
Die Tertiärisierung der Wirtschaft stagniert auf einem hohen Niveau
Gemessen an der Bruttowertschöpfung blieben die Anteile der Sektoren bereits seit der Jahrtausendwende annähernd stabil – und verändern sich auch künftig kaum. Sowohl im Jahr 2000 als auch gegen Ende des Prognosehorizonts entfielen bzw. entfallen rund 30 Prozent der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung auf den sekundären Sektor und rund 69 Prozent auf den tertiären Sektor. Der Anteil des Dienstleistungssektors an der Erwerbstätigkeit steigt zwar zwischen 2019 und 2040 weiter leicht an. Die Anteilsverschiebung zwischen dem sekundären und tertiären Sektor beläuft sich jedoch auf unter 1 Prozentpunkt.
Deutschland hat im internationalen Vergleich einen starken Industriesektor
Deutschland verfügt im internationalen Vergleich über einen starken sekundären Sektor. Insbesondere die übrigen großen westlichen Volkswirtschaften wie das Vereinigte Königreich, Frankreich oder die USA haben bisher eine wesentlich stärkere Tertiärisierung durchlaufen. Die ostasiatischen Länder Japan und Südkorea weisen hingegen einen ähnlich starken Industriesektor wie Deutschland auf. Noch stärker ausgeprägt ist dieser in China. Dort entfallen knapp die Hälfte der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung auf den Bergbau, das verarbeitende Gewerbe und den Bau.

31 %

19 %

18 %

20 %

30 %

Industrieanteile ausgewählter Volkswirtschaften im Vergleich, Prognos Economic Outlook, Frühjahr 2021
Einige Wirtschaftszweige wachsen schneller
Die stabilen Anteilswerte der Wirtschaftssektoren bedeuten jedoch nicht das Ende des Strukturwandels. Vielmehr spielt sich der künftige Strukturwandel innerhalb der jeweiligen Sektoren ab – einzelne Wirtschaftszweige wachsen zum Teil deutlich schneller als andere.
Die Bruttowertschöpfung im Dienstleistungssektor nimmt im Zeitraum von 2019 bis 2040 um durchschnittlich 1,1 Prozent p. a. zu und hat damit eine ähnliche Wachstumsdynamik wie die Bruttowertschöpfung im produzierenden Sektor insgesamt bzw. im verarbeitenden Gewerbe, also in der Industrie im engeren Sinn. Einzelne Wirtschaftszweige wachsen jedoch deutlich schneller.
In der Gruppe der Industriebranchen ist der Bereich DV-Geräte, Elektronik, Optik – wie bereits in den vergangenen Jahren – der mit einigem Abstand wachstumsstärkste Wirtschaftszweig. Auch im Kraftwagenbau, Maschinenbau und der pharmazeutischen Industrie steigt die Bruttowertschöpfung bis 2040 überdurchschnittlich. Einige besonders ressourcenintensive Wirtschaftszweige entwickeln sich hingegen deutlich langsamer. In den beiden Bereichen Glas und Keramik sowie Metallerzeugung und -bearbeitung liegt das Wachstum nahe Null. Die Wirtschaftszweige Mineralölverarbeitung, Holz, Papier, Druck sowie Textilien schrumpfen sogar.
Im Dienstleistungssektor kann der Wirtschaftszweig Information und Kommunikation sein hohes Wachstumstempo der Bruttowertschöpfung aus der Vergangenheit fortführen und wächst mit durchschnittlich 1,8 Prozent p. a. am schnellsten. Auch das Gesundheits- und Sozialwesen wächst bis 2040 überdurchschnittlich.
23 degrees
Interactive graph will be embedded here
(You need a Pro Account from 23degrees.io to publish publicly.)
Die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland nimmt bis 2040 ab. Bei höherer Produktivitätsentwicklung fällt das Minus in den Industriebranchen (-0,5 % p. a.) im Durchschnitt etwas stärker aus als im Dienstleistungssektor (-0,3 % p. a.). Innerhalb der Gruppe der Industriebranchen bauen jene Branchen überdurchschnittlich an Beschäftigung ab, die sich auch mit Blick auf die Bruttowertschöpfung schwach entwickeln. Dazu gehören etwa die Wirtschaftszweige Textilien sowie Holz, Papier, Druck. Auch im Dienstleistungssektor gibt es bei der Entwicklung der Erwerbstätigkeit Unterschiede zwischen den Branchen, die jedoch nur gering ausfallen.
Arbeitskräftemangel bremst den Strukturwandel
In der Vergangenheit waren die Unterschiede in der Wachstumsdynamik der verschiedenen Sektoren und Wirtschaftszweige zum Teil deutlicher ausgeprägt. Ein wichtiger Grund für die künftig geringeren Unterschiede in der Wachstumsdynamik – und damit des Strukturwandels – ist der sich verschärfende Fachkräfte- bzw. Arbeitskräftemangel. Sowohl die Unternehmen als auch die Wirtschaftszweige untereinander stehen im intensiven Wettbewerb um Personal. Arbeitnehmer*innen können künftig verstärkt in solchen Wirtschaftszweigen arbeiten, die ihnen die besten Konditionen bieten. Hier haben viele Industriebranchen aufgrund ihres insgesamt höheren Lohnniveaus – im Durchschnitt liegen die Stundenlöhne des verarbeitenden Gewerbes rund ein Viertel höher als die der Dienstleistungen – einen Vorteil. So steigt zwar auch künftig der Arbeitskräftebedarf etwa im Gesundheits- und Sozialwesen überdurchschnittlich stark. Gleichwohl kann der Wirtschaftszweig den erhöhten Bedarf nur zum Teil decken. Somit könnte der Arbeitsmarkt die weitere Tertiärisierung der Volkswirtschaft bremsen.